SWR
Report Mainz vom
18. März 2002

Kaninchen –
Fleischproduktion brutal

 
 

Kaninchen

Moderation Bernhard Nellessen:

Und nun zu einem traurigen Thema: Tierschutz.

Kaninchen sind besonders niedliche Tiere – nicht nur zur Osterzeit, nicht nur in Kinderaugen, nicht nur für Hobbyzüchter.

Aber Kaninchen sind längst mehr: ein knallhart kalkulierter Konsumartikel der Nahrungsindustrie.

Und da ist für Niedlichkeit kein Platz, ganz im Gegenteil: Die meisten Kaninchen hierzulande fristen ihr Leben als gequälte Kreaturen in Massentierhaltung. Edgar Verheyen berichtet.

 

Bericht:

Sie leben auf einfachen Drahtböden, ein Käfig neben dem anderen – Kaninchen in Massentierhaltung. Ein Muttertier muss auf seinen totgeborenen Babys herumtrampeln, ein anderes leidet unter einem rot entzündeten Auge, schwerkrank.

Es sind Kaninchen der sogenannten Zika-Rasse, speziell für die Fleischproduktion gezüchtet. Ihre Pfoten drücken sich durch die Drahtböden, sie können sich nicht aufrichten. Kot, Urin fallen auf einen Betonboden, der Gestank – unsäglich.

Vor wenigen Tagen, wir stellen den süddeutschen Züchter zur Rede.


O-Ton:

»Ich habe ja nichts zu verheimlichen, aber trotzdem: Jede Tierhaltung ist nicht artgerecht.«


Frage: Warum ist Ihre Haltung nicht artgerecht?

O-Ton:

»Meine Haltung ist auch nicht artgerecht.«

Frage: Ja, warum nicht?

O-Ton:

»Weil es nicht möglich ist.«

Frage: Warum machen Sie es denn?

O-Ton:

»Dass Sie etwas zu essen haben.«

Wir bitten eine ausgewiesene Kaninchenexpertin, die Bilder aus der Kaninchenzucht zu kommentieren, die Tierärztin Birgit Drescher in Stuttgart. Jahrelang hat sie das Verhalten der Tiere wissenschaftlich untersucht. Ihr Fazit nach Kenntnis des gesamten Bildmaterials:


O-Ton, Birgit Drescher, Tierärztin:

Drescher

»Es ist sicherlich keine tiergerechte Kaninchenhaltung. Das kann man schon eindeutig so sehen. Und man könnte sicherlich durch eine Bestandsuntersuchung vor Ort eine ganze Menge Schäden konkret feststellen, das bin ich aus diesen Bildern heraus schon sicher, die sich zusammenzutragen lassen, um dann eben daran zu demonstrieren, dass diese Tiere nicht schadensfrei gehalten werden, was aber nach Paragraph 2 des Tierschutzgesetzes jeder Halter tun muss.«

Verantwortlich für die Überprüfung des Betriebs ist der zuständige Kreisveterinär. Doch er lehnte eine Stellungnahme ab. Der Betrieb entspreche den Vorschriften, meinte er nur lapidar am Telefon.

Doch dies ist fraglich. Schon früher kam Birgit Drescher bei einer langjährigen, auch medizinischen Untersuchung von Kaninchen in Intensivhaltung zu dem Ergebnis, dass so gehaltene Tiere Verletzungen und massive Verkrümmungen der Wirbelsäule aufweisen.

O-Ton, Birgit Drescher, Tierärztin:

»Wir haben seiner Zeit einen Bestand untersucht, die solche Käfige hatten, und mussten da bei zwei Dritteln der Tiere feststellen, dass die Verbiegungen, Verkrümmungen der Wirbelsäule aufzeigen, was der Züchter so nicht feststellen kann und was man im Grunde genommen wirklich erst durch eine tiermedizinische, bestenfalls röntgenologische Untersuchung feststellen kann.«

Auch dieses Material wurde REPORT zugespielt. Es zeigt sogenannte Arzneimittelabgabebelege aus einer Kaninchenzucht.

O-Ton, Birgit Drescher, Tierärztin:

»Wenn so viele Tiere den Bedarf haben bzw. eine Darminfektion zeigen, dann ist daraus eigentlich rückzuschließen, dass die Fütterung nicht stimmt, sonst müssten nicht so viele Tiere gleichzeitig einen Durchfall aufweisen.«

Frage: Heißt es im Grunde, die Tiere bekommen ein zu kräftiges Futter und zugleich einen Medikament, um es zu vertragen?

O-Ton, Birgit Drescher, Tierärztin:

»So könnte man es schon zusammenfassen.«

Wir sind bei PETA, einer Tierrechtsvereinigung in Stuttgart. Die Organisation hat sich unter anderem auf das Thema Kaninchenhaltung spezialisiert. Auch ihrem Sprecher zeigen wir das Bildmaterial. Dabei macht uns Harald Ullmann auf das Schicksal der Muttertiere, der Zuchthäsinnen, aufmerksam. Die Tiere leiden nicht nur unter den hygienischen Bedingungen, sie werden als Muttertiere geradezu ausgepresst.

O-Ton, Harald Ullmann, „Peta“- Deutschland:

Ullmann

»Normalerweise werden Häsinnen zehn Jahre alt, so im Schnitt etwa zehn Jahre alt, und hier in solchen Betrieben oder in der Kaninchenmast ist es nicht unüblich, dass die Tiere nach einem Jahr so ausgemergelt, dass man sie dann schon tötet. Ich meine, das hängt auch damit sicherlich zusammen, dass die Tiere, normalerweise Häsinnen ein bis zwei Mal im Jahr werfen, und in solchen Mastanlagen bis zu elf Mal im Jahr. Also nach einem Jahr sind die fix und fertig. Das sind reine Gebärmaschinen.«

Rund 1.000 Tiere werden bei einem Unternehmen mittlerer Größe zusammengepfercht. Etwa 400 Kaninchenzuchtbetriebe gibt es in Deutschland. Rund 70 sind in einem Verband organisiert.

Die Branche konnte bislang weitgehend ungestört produzieren. Die Kaninchenzucht wächst hierzulande, auch im Internet wird fleißig geworben. Die Nachfrage nach Kaninchenfleisch hat nach der BSE-Krise leicht zugenommen. Konfrontiert mit unseren Recherchen wiegelt der Kaninchenfleischverband ab.

O-Ton, Hans-Jürgen Lammers, Bundesverband deutscher Kaninchenfleischerzeuger:

Lammers

»Die Kaninchenhaltung ist ein sehr junger landwirtschaftlicher Produktionszweig, wo sicherlich die Landwirte, die dieses machen, noch sehr viel lernen müssen. Und nicht jeder Landwirt hat vielleicht so die ausgiebige Praxis in den ersten Jahren, dass also manchmal auch Fehler gemacht werden.«

Zurück zu unserem Züchter, der schon eingestanden hatte, dass er seine Tiere nicht artgerecht hält. Wir wollen mit ihm in seinen Stall, doch das lehnt er ab. Er habe Angst vor seinen Züchterkollegen, die ihn beschimpfen und bedrohen könnten.

O-Ton:

»Das kann ich nicht machen, das wäre ein großer Fehler. Die ganzen Kaninchenzüchter schlagen mich tot.«

Kaninchen in engen Drahtkäfigen gehalten, unter skandalösen hygienischen Zuständen – dies alles ist nur möglich, weil das bestehende Tierschutzgesetz, so unser Eindruck, nicht konsequent durchgesetzt wird.

Zu dem gibt es in Deutschland keine verbindlichen Vorschriften für die Haltung von Kaninchen. Zwar bereitet der Europarat derzeit eine Empfehlung vor, doch auch dies ist dann eben nur eine Empfehlung. Also wird erst einmal alles so bleiben, wie es ist.


  Moderation:
Bernhard Nellessen

Bericht:
Edgar Verheyen
Kamera:
Robert Rosenzweig
 
  Schnitt:
Marcus Kaul

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